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EARTHRISE

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EARTHRISE
© NASA

Gedanken zum Weihnachtsfest 2018 von Hochschulpfarrer Joachim Braun

Eigentlich sollte das Bild, das am Heiligen Abend zu einem der berühmtesten aller Zeiten werden sollte, nie entstehen. Ich spreche nicht vom Stall in Betlehem. Die Kamera und Filme, die drei Astronauten im Dezember 1968 mit auf die NASA-Mission Apollo 8 nahmen, sollten die Oberfläche des Mondes fotografieren, um eine geeignete Stelle für eine spätere Mondlandung zu finden. Doch bei der vierten von insgesamt 10 geplanten Umrundungen des Mondes, heute vor 50 Jahren, am 24. Dezember 1968, geschah etwas Unerwartetes: Die Astronauten sahen plötzlich hinter dem Mond die Erde aufgehen.

»Oh mein Gott, schaut euch das an. Ist das schön!« rief William Anders seinen Kollegen zu. Es folgte eine spontane Fotosession. Eines der vielen Bilder, die Apollo 8 in dieser Nacht schoss, erlangte Weltruhm: »EARTHRISE« gilt bis heute als eines der einflussreichsten Bilder aller Zeiten: eine wunderbar farbige, strahlende Kugel in der unendlichen Finsternis des Alls.

Es war 1968 ein Bild, das den USA die Hoffnung zurückgab, eine Art Weihnachtsmärchen mitten im Vietnamkrieg und im Jahr der Ermordung Martin Luther Kings. Ein uralter Menschheitstraum schien in Erfüllung zu gehen: der Weg ins All, der Ausgriff nach den Sternen. So wie ein Kind, das sich auf die Zehenspitzen stellt und den Kopf reckt, um einmal die Dinge nicht als Zwerg, sondern von oben zu sehen, so hatte diese Zeit geschafft, wovon andere zuvor nur träumen konnten.

Unsere kleine Erde im Raum des gewaltigen Kosmos – ein unbeschreibliches Bild. Einige Astronauten mussten sich zum Schlafen zwingen, weil sie am liebsten nur noch schauen wollten. Andere fingen an zu beten. Beten als Staunen vor dem Wunder der Schöpfung. Als Überzeugung, dass es da noch etwas geben muss jenseits von Soll und Haben. »Er trägt das All durch sein machtvolles Wort«, heißt es in der Weihnachtslesung im Hebräerbrief (Hebr 6, 39).

Er! Kein Mensch verdankt sich selbst. Sein Gesicht bekommt er nicht, indem er in den Spiegel schaut und sich selbst reflektiert, sondern indem er sich von Gott anschauen lässt. So bekommt er An-Sehen, Würde. Und wenn er nur noch sich selbst bespiegelt? Dann verliert er dieses Ansehen. Das ist die Sünde des Menschen: sich selbst zu genügen. Das ist unter seiner Würde.

An Weihnachten hat Gott die Würde des Menschen gerettet, indem er uns das verlorene Ansehen zurückgegeben hat. Wo wir uns seinem Blick entziehen, verändert er seinen Standpunkt und sieht uns neu an. Und zwar auf Augenhöhe. Mit den Augen eines Menschen, in einem Stall, in einem Kaff vor den Toren Jerusalems, in einem unbedeutenden Landstrich, auf einem unbedeutenden Planeten, der um einen unbedeutenden Stern kreist, einer von Milliarden in einer unbedeutenden Galaxie unter Abermilliarden anderer Galaxien...

Da schaut der, der »das All trägt« uns auf Augenhöhe an in einem Kind. Dieses Ansehen, diese Würde ist unantastbar. Sie ist kein Übereinkommen. Sie gründet in unserem Wesen selbst: dass wir nach seinem Bild geschaffen sind. Nicht nur als Würden-Träger. Auch als Mensch mit Behinderung. Als Mensch anderen Glaubens. Als ungeborener Mensch. Wer diese Würde mit Füßen tritt, legt sich mit dem an, der das All trägt.

Zur aller Begeisterung über die Schönheit unseres Planeten gesellt sich in letzter Zeit zunehmend Nachdenklichkeit. Alexander Gerst, der Kommandant der internationalen Raumstation ISS, gerade zur Erde zurückgekehrt, berichtet, was er aus dem All sonst noch sah: Waldbrände, Abholzung, ausgetrocknete Böden, Hurrikane. Narben auf dem schönen Antlitz der Erde, geschlagen von Menschen. So können wir erkennen, wie gefährdet und schutzlos unsere Erde, ja wir selbst doch sind. In nur 12 km Höhe liegt unsere Lebensgrenze. Nach 90 km schon erreicht die Raumkapsel das Ende der Atmospähre. Der Weg ins All ist kürzer als der von Frankfurt nach Heidelberg...

Vielleicht geht es Euch am Ende dieses Jahres ähnlich wie mir: Im Dunkel des Alls, in der Nacht der Welt, in der Menschen ihrer Zukunft beraubt werden, in der Finsternis persönlicher Schicksale und fehlender globaler Perspektiven angesichts Umweltprobleme, durchgeknallter Nationalisten und machtbesessener Präsidenten kommt jeder noch so zaghafte Funke, jeder winzige Lichtblick, jeder kleine Hoffnungsschimmer so sinnlos daher wie ein einzelnes Menschenkind angesichts der unvorstellbaren Unendlichkeit des Universums.

Und dennoch ist die Botschaft der Heiligen Nacht auch nach 2000 Jahren nicht totzukriegen: Du, Menschenkind, bist nicht ein beliebiger Haufen Materie, geworden aus dem Zufall eines Universums, lediglich mit besserer Software, doch ohne Ursprung und Ziel. Wo du auch seist, bist du von Gott angesehen.

Jim Irving, ebenfalls Astronaut des Apollo-Programms, sagte kurz vor seinem Tod: »Dass Gott seinen Sohn auf die Erde geschickt hat, ist viel wichtiger, als dass Menschen ihren Fuß auf den Mond gesetzt haben.« Gott hat seinen unendlichen Kosmos verlassen und sich auf unsere kleine Welt eingelassen, damit wir uns nicht wie die Herrgötter gebärden müssen.

Darin besteht unsere wahre Größe und unsere Würde, nicht in unseren Ausgriffen nach den Sternen. Vor ihm besteht unsere Verantwortung für die Erde, im Großen wie im Kleinen. In ihm haben wir mitten im Nichts festen Boden unter den Füßen. Das ist EARTHRISE – der Aufgang der Erde in eine neue Zeit: Vor ihm können wir aufrecht stehen.

 

Das Team der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) Frankfurt wünscht allen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest!