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Ich höre dir zu.

Ich höre dir zu.
Ich höre dir zu.
© Katholische Hochschulgemeinde (KHG) Frankfurt
© Katholische Hochschulgemeinde (KHG) Frankfurt

Wer von uns kennt nicht folgende kleine Alltagsszene: Du triffst eine Bekannte auf der Straße, ihr begrüßt euch und sie fragt dich: »Na, wie geht’s?« Daraufhin überlegst du insgeheim, wie ausführlich du antwortest – und vielleicht ringst du dich dazu durch zu erzählen, was dich wirklich beschäftigt… und dann, beim zweiten Satz, fällt dir die Bekannte ins Wort und sprudelt im wahrsten Sinne hervor, so dass du nicht mehr zu Wort kommst: »Ach ja, das kenne ich…«. – und das, was dich wirklich beschäftigt hat, ist vom Tisch. Tröstlich ist bei dem Ganzen, dass es uns selbst ja auch manchmal beim Zuhören so geht, dass wir die anderen mit dem überladen, was uns selbst beschäftigt. :-)

»Erst das Schweigen tut das Ohr auf für den inneren Ton in allen Dingen.« Dieser Satz von Romano Guardini beschreibt sehr schön, was das »Zuhören« ausmacht – ein Zuhören, das dem anderen zu einer Wohltat werden kann, so, dass sein innerer Ton zum Klingen kommt. Und auch hier können wir sicherlich mit Alltagserfahrungen anknüpfen: Wenn mich eine Veranstaltung, ein Wort eines Kommilitonen oder Kollegen, ein Treffen, eine Verletzung oder einfach nur ein Film oder ein Text anrühren, aufwühlen oder was auch immer mit mir veranstalten – dann gibt es nichts Schöneres als auf einen Menschen zu treffen, der mich einlädt: »Komm, erzähl mal, ich höre dir zu…«.

Das, was gut tut, ist die Tatsache, dass ich mit meinen Gefühlen und Empfindungen gesehen und gehört werde und dass mir durch das Zuhören ein Raum eröffnet wird, in dem ich alles, was ich will, ausdrücken kann. Ein solches Zuhören fragt nach Achtsamkeit und Wahrnehmung. Und es braucht das Schweigen, so wie es Guardini beschreibt, um den inneren Ton bei den anderen wahrzunehmen. Und manchmal gehört dazu auch, das Schweigen des anderen auszuhalten. Wenn ich mit meinen Gedanken nur um mich selbst kreise, oder das Gehörte ständig nur zu beurteilen versuche oder, wenn ich mein Gegenüber mit gut gemeinten Ratschlägen zutexte, dann werde ich für jemanden nur schwer den Raum einer ungeteilten Aufmerksamkeit eröffnen. Es geht vielmehr um ein inneres Präsentsein, um ein Hören, das viel mehr ist als nur akustische Schallwellen zu vernehmen.

Diese ganzheitliche Dimension des Zuhörens greift sehr schön das chinesische Schriftzeichen für »Zuhören« auf, denn es ist aus verschiedenen Wörtern zusammengesetzt, die für ein achtsames Hören wesentlich sind: In der oberen linken Ecke steckt das Wort »Ohr«. Es ist das Sinnesorgan, das Voraussetzung für das Hören ist. In der oberen rechten Ecke kommt das Wort »Auge« dazu. Mit unseren Augen können wir jemanden anschauen, uns auf ihn oder sie konzentrieren und in Beziehung gehen. Und dann steckt auch noch das Wort »Herz« in der unteren rechten Ecke des Schriftzeichens. Mit dem Herzen fühlen und empfinden wir, was das Gehörte in uns auslöst. In diesem einen Schriftzeichen steckt eine geballte Weisheit: Die Worte, die darin stecken, zeigen, warum ein achtsames Zuhören so wohltuend sein kann, denn es spricht unsere Sinne an.

Es ist aber auch klar, dass wir nicht immer so ungeteilt und aufmerksam anderen zuhören können. Gerade Stress, Sorgen, zu viel Arbeit, wenig Bewegung, Anspannung u.a. lenken uns von einem inneren Präsentsein ab und führen uns eher in Gedankenstrudel, die ermüden.

Dennoch sind solche Momente gute Möglichkeiten, ein achtsames Zuhören zu üben. Für diese Woche nehme ich mir Folgendes vor: Wenn ich das nächste Mal mit einer Kommilitonin oder einem Kollegen spreche, frage ich mich selbst, ohne es zu werten:

  • Wie höre ich zu? Welche Gedanken sind in mir?
  • Wo bin ich mit meiner Aufmerksamkeit?
  • Höre und sehe ich mein Gegenüber oder bin ich woanders?

Vielleicht ist es eines der schönsten Geschenke, die wir uns untereinander machen können, unsere ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Gerade in herausfordernden Zeiten, wie wir sie gerade erleben, braucht es immer wieder solche Momente des Zuhörens und zugehört Bekommens.

Sr. Laura Knäbel MMS, Seelsorgerin für die Frankfurt University of Applied Sciences

Wer Ohren hat zum Hören, der höre! (Lk 8,8)

 

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