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Was ist Weisheit?

Was ist Weisheit?
Was ist Weisheit?
© IStockphoto.com

Was ist Weisheit? Diese Frage scheint eine der ältesten und schwierigsten der Menschheitsgeschichte zu sein. Bei dem Gedanken an den Begriff Weisheit hatte ich sofort ein Bild vor Augen: einen betagten alten weißen Mann mit grauem Haar. Es war eindeutig ein Mann. Gleichzeitig bin ich erschrocken: Wieso habe ich nicht an eine alte Frau gedacht? Der Begriff Weisheit ist doch feminin und Weisheit sollte doch wohl geschlechterübergreifend gelten? Und wurde nicht auch die Weisheit als Sophia in Frauengestalt personifiziert?

Meine Einführungsseminare in Philosophie und mein Graecum liegen nun schon einige Jahre zurück und es klingelte daher nur leicht. Ich begab mich also auf die Suche nach der Begriffsentwicklung und -bedeutung und landete zunächst bei der Definition des Dudens:

Weis·heit
/Weísheit/
Substantiv, feminin [die]
1. [ohne Plural]
durch Erfahrung gewonnene Lehre
»göttliche Weisheit«
2. durch Lebenserfahrung, Abgeklärtheit gewonnene innere Reife
»eine alte chinesische Weisheit«

Zumindest der zweite Bedeutungsinhalt des Begriffs scheint doch passend zu meinem inneren Bild einer alten Person: Weisheit als durch Lebenserfahrung und Abgeklärtheit gewonnene innere Reife. Das klingt zunächst doch sehr technisch. Aber trifft es doch auch den Kern meiner ersten Vorstellung. Ich frage oft und gerne meine Großmutter um Rat, wenn es um Entscheidungen geht. Ich habe stets das Gefühl, dass sie über ein Ausmaß an Weitsicht und Gelassenheit verfügt, das mir bis dato unbekannt ist. Dann ist es aber doch erst recht verwunderlich, dass mir ein alter weißer Mann vor meinem inneren Auge erschien, wenn für mich doch meine Großmutter (zumindest in Teilen) Weisheit in weiblicher Gestalt ist.

Im Alten Testament finden wir eine besondere Darstellungsform der Weisheit: Seit der nachexilischen Zeit erscheint die Weisheit personifiziert als Frauengestalt (hebräisch chokmah und griechisch sophia). Als Mittlerin zwischen Gott und den Menschen verkörpert Frau Weisheit Eigenschaften altorientalischer Göttinnen (beispielsweise der ägyptischen Göttin Ma’aat). Weisheit ist damit nicht nur ein abstrakter Begriff, sondern eine weibliche Figur, die diesen Wert verkörpert. Sie verhält sich dabei nicht zurückhaltend, sondern erhebt ihre Stimme in aller Öffentlichkeit und tritt für Gerechtigkeit ein.

Neben der Weisheit als Personifikation, sind noch weitere Abstrakta in Gestalt von Frauen dargestellt. Denken wir beispielsweise an die Justitia (Gerechtigkeit) mit ihren verbundenen Augen, der Waage und dem Schwert. Es scheint als wäre die Funktion der Personifikation nicht unabhängig vom Geschlecht. So faszinierend das Ganze doch ist, so kamen mir gleichzeitig Fragen auf: Trägt diePersonifikation der Weisheit dazu bei, Frauen den öffentlichen Raum zugänglich zu machen oder macht sie reale Frauen unsichtbar? Welche Projektionen und welche Idealvorstellungen prägen die Figur der Chokmah, der Sophia? Und ist diese weibliche Weisheitsgestalt vielleicht primär Projektionsfläche für männliches Begehren?

Gewiss sind diese Fragen nicht einfach zu beantworten und auszuräumen. Aber vielleicht kann für deMoment die Chance der weiblichen Weisheitsgestalt gesehen werden: Die katholische Theologin und Professorin für Altes Testament und Biblische Umwelt Silvia Schroer versteht Frau Weisheit als ein Identifikationsangebot an Frauen im traditionellerweise männlich überfrachteten Gottesbild. Weisheit werde anhand weiblicher Eigenschaften und Typologien charakterisiert. Auch wenn heute oft gedacht wird, dass das Patriarchat längst abgeschafft sei und der Feminismus obsolet: in vielen Bereichen ist immer noch eine Ungleichheit zu beobachten – sei es in der Medizin, in der Gleichstellung im Beruf (Lohnungerechtigkeit, Berufswahl etc.) oder in gesellschaftlichen Rollenanforderungen.

Es ist also noch etwas hin bis zur Gleichberechtigung. Für mich bedeutet Feminismus, dass alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Sexualität und ihrem Körper die selben Rechte und Freiheiten haben sollen. Es geht darum, Zwänge und Tabus zu durchbrechen und freie und eigene Entscheidungen möglich zu machen. Es reicht dabei nicht, individuelle Freiheit trotz Ungerechtigkeit zu erlangen, sondern es müssen die Gründe für die Ungerechtigkeit abgeschafft werden. Freiheit im politischen Sinne meint frei von einengenden Rollenbildern, Normen und Mythen zu sein.

Es kann bequemer sein, die Realität zu ignorieren und den Ist-Zustand zu rechtfertigen. Auf Dauer geht das nicht gut aus. Die Möglichkeit der eigenen Handlungsfähigkeit ist ein hohes Gut. Vor allem im heutigen politischen Weltgeschehen und dem Wissen dahingehend, dass weltweit mehr Autokratien als Demokratien bestehen. An Frau Weisheit orientiert, müssen wir die eigene Stimme in aller Öffentlichkeit erheben und für Gerechtigkeit eintreten.

Bianca Mondello, Referentin für Soziales und internationale Arbeit

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