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Weihnachten

Weihnachten
Weihnachten
© Katholische Hochschulgemeinde (KHG) Frankfurt

Wissen Sie, was an diesem Weihnachtsfest gerade meine größte Hoffnung ist? Dass diese Pandemie bald ein Ende hat – ja, das natürlich auch ... Aber darüber hinaus hoffe ich so sehr, dass der Riss heilen kann, der inzwischen durch unsere Gesellschaft geht, und den diese Pandemie so vergrößert hat, dass er inzwischen sogar Kolleg:innen, Freundeskreise und Familien entzweit.

Der Riss, der Menschen in Gruppen einteilt, die einander einfach nicht mehr verstehen: in Kranke und Gesunde, Geimpfte und Querdenker, Coronaleugner und Genesene, Freiheitsliebende und Übervorsichtige. Die nicht nur einander nicht mehr verstehen, sondern auch keinen Weg mehr finden miteinander zu reden, und deren Ratlosigkeit und Erschöpfung sich in Hass, Wut und Gewalt entlädt. Mit einem Mal wird die große Weltgeschichte zur Bühne für die eigene Verletzlichkeit und Hilflosigkeit. 

An Weihnachten hören wir die Geschichte von der Geburt Jesu eingebettet in die große Weltgeschichte. Kaiser Augustus wird namentlich genannt, sein syrischer Statthalter Quirinius auch. Aber Gott hat seine ganz eigene Geschichte mit uns Menschen; mit den großen und mit den kleinen.

Und dennoch hat Gottes Geburt in der Gestalt eines Kindes vor den Toren Betlehems die Erwartungen von Menschen nicht einfach bedient, sondern zutiefst infrage gestellt: Dem gerechten Josef wird sein Lebensplan gründlich durcheinandergeworfen. Maria wird von Gott immer wieder neu zum Staunen gebracht. Hirten unterbrechen ihre nächtliche Arbeit. Herodes und der Hohe Rat bleiben ratlos. Und ausgerechnet Sterndeuter einer anderen Religion werden von ihrem eigenen religiösen Zeichen, dem Stern, zum neugeborenen Kind geführt.

Gott beantwortet keine religiösen Wunschzettel, sondern führt Menschen über ihre religiösen und kulturellen Grenzen hinaus neu zusammen. Das ist sein bleibender Impuls für uns: zuzuhören und Begegnungen zu suchen, die über Smalltalk und Gräben hinausführen, besonders auch mit denen, die uns fremd (oder fremd geworden) sind.

Natürlich darf man intolerante Menschen nicht tolerieren, denn sonst stirbt mit ihnen auch die Toleranz. Wer Andersdenkenden Gewalt androht oder gar antut, gehört gestoppt und nicht gesegnet. Auch die Botschaft der Engel vom Frieden auf Erden gebührt ausdrücklich nicht allen, sondern den »Menschen seines Wohlgefallens«, denen, die »guten Willens« sind.

Mit denen aber kann es keine Grenze geben, wenn es darum geht, einander verstehen zu suchen; Risse zu heilen und Gräben zu überwinden. Und wer weiß: Vielleicht verbirgt sich ja auch nicht hinter jedem Impfskeptiker ein Coronaleugner, sondern nur ein tief verunsicherter Mensch, der sich nichts dringender wünscht, als jemand, der ihm erst mal zuhört, bevor er urteilt. Nicht hinter jedem Griesgram ein Ekel, sondern jemand, der oft genug vom Leben enttäuscht wurde. Und vielleicht steckt ja auch hinter meinem eigenen Ungehaltensein mehr Sehnsucht nach Halt, als mir bewusst ist.

Was also gibt mir Hoffnung in dieser Nacht? Mir gibt Hoffnung, dass Gott sich zu uns Menschen bekannt hat. Im Hebräerbrief heißt es: »Zu welchem Engel hat er jemals gesagt: Mein Sohn bist du, und weiter: Ich will für ihn Vater sein« (Hebräer 1,5).

Nicht um die reinen, unangefochtenen, hehren Engel geht es ihm, sondern um uns Menschen mit all unseren großen und kleinen Gemeinheiten, unseren Zweifeln und Fragen, unserem Hochmut und unserer Niedertracht, unserer Unsicherheit und unserer Hoffnung.

Gott hat sich selbst, seinen Sohn, in unsere verrückte Welt gegeben, um unsere Herzen zu gewinnen. In ihm hat sein Wort ein Gesicht bekommen. Kein Machtwort, keines mit Engelszungen. Sondern das einzige, das Hoffnung gibt und Vertrauen gewinnen kann: das, mit dem er sich selber ohne Vorbehalt riskiert. Verunsichert, erschöpft, zerstritten – wir sind »Menschen seiner Gnade«. 

Hochschulpfarrer Joachim Braun, Weihnachten 2021

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